Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Großes Interesse am 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentag

„Narzissmus – zwischen Psychopathologie und gesamtgesellschaftlichem Phänomen“: das Thema des 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentages am 27.4.2013 stieß auf sehr großes Interesse unserer Mitglieder und in den Medien. Aufgrund der unerwarteten großen Zahl von Anmeldungen war die Auslastung des Saals im Münchner Gasteig mit ca. 600 bayerischen Psychotherapeut/innen schon Anfang Februar erreicht. Zur Pressekonferenz, die zwei Tage vor der Veranstaltung im Münchener PresseClub organisiert wurde, waren rund 15 Journalist/innen gekommen und es folgten in zahlreichen Medien Berichte dazu.

Die Pressekonferenz fand am 25.4.2013 im PresseClub München statt. (Foto: Siegfried Sperl)
In der Pressekonferenz informierte Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop über die narzisstische Persönlichkeitsstörung als Krankheitsbild sowie psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten und erläuterte, wie narzisstische Eigenschaften in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten gesehen werden können. Dr. Wolfgang Schmidbauer ging aus Sicht des erfahrenen Psychoanalytikers auf das Phänomen des Narzissmus in der heutigen Zeit ein und berichtete von seinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Praxis. Unsere Pressemeldung zum Landespsychotherapeutentag finden Sie hier.
Der Landespsychotherapeutentag wurde durch Vizepräsident Dr. Bruno Waldvogel eröffnet. Anschließend stellte Dr. Nikolaus Melcop vor dem Hintergrund der abendländischen Denktradition zu „Narzissmus“ den Einfluss dieses Begriffs auf das Verständnis psychischer Störungen dar. Er erinnerte dabei auch an die Übertragung des psychoanalytischen Verständnismodells auf die gesellschaftskritische Sichtweise der Frankfurter Schule. Daran anschließend skizzierte er aktuelle Tendenzen in Bezug auf Narzissmus im gesellschaftlichen Rahmen und in der psychologischen Forschung. Abschließend erläuterte Melcop die Bedeutung der Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ als Ausgangspunkt spezifischer psychotherapeutischer Konzepte.
Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop führte in das Thema des 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentages ein. (Foto: Siegfried Sperl)
Dr. Wolfgang Schmidbauer informierte im ersten Fachvortrag über die Facetten und Entwicklungen des Narzissmus-Konzeptes. Das Bedürfnis nach Anerkennung, Geltung und Aufmerksamkeit um fast jeden Preis greife in der Konsumgesellschaft um sich. Ein boomender Markt für kosmetische Produkte und „Schönheitsoperationen' sei noch harmlos verglichen mit den massiven Problemen vieler heutiger Jugendlicher hinsichtlich ihres Aussehens. Auch im Arbeitsleben finden sich Zeichen einer gestörten, zumindest erschwerten „Kränkungsverarbeitung“, wie die Diskussionen über Mobbing und Burn-out zeigten. Die Psychologie fasse diese Probleme unter den schillernden Begriff des Narzissmus. Entsprechende Konflikte und Störungen spielten in der therapeutischen Arbeit mit Einzelnen, aber auch mit Paaren eine wachsende Rolle. Psychotherapeut/innen bräuchten, so Schmidbauer, Informationen über die gesellschaftlichen Aspekte des Problems, vor allem aber auch eine Haltung, welche in der therapeutischen Arbeit sichere Orte schaffe und eine Verarbeitung von Kränkungen durch Kreativität und Humor erleichtere.
Die Referent/innen und Vorstandsmitglieder auf dem 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentag (v. l.): Prof. Armin Nassehi, Birgit Gorgas, Dr. Bruno Waldvogel, Dr. Michael Marwitz, Dr. Wolfgang Schmidbauer, Peter Lehndorfer, Dr. Nikolaus Melcop, Dr. Bärbel Wardetzki, Benedikt Waldherr, Dr. Anke Pielsticker und Dr. Martin Altmeyer. (Foto: Siegfried Sperl)
Auf den Stellenwert des Narzissmus-Konzeptes in der Gesellschaft ging Prof. Dr. Armin Nassehi, Inhaber des Lehrstuhls I für Soziologie an der LMU München, ein. Das Gegenprinzip zum kulturellen Narzissmus sei der gute Grund. Gute Gründe zeichneten sich dadurch aus, dass sie ausschließlich von der Sache her gelten – gute Gründe seien dafür erfunden worden, um die zu begründende Tatsache von der begründenden Person abzukoppeln. Es gehe um das Beobachtete, nicht um den Beobachter. In immer weiteren Bereichen der Gesellschaft sei festzustellen, dass wir ohne die Beobachtung von Beobachtern nicht auskommen. Gute Gründe seien dann womöglich nur aus der Perspektive eines bestimmten Beobachters gute Gründe. Ohne diese Erkenntnis sei kein modernes Wirtschaftssystem möglich, Politik sei ohne die Beobachtung von Beobachtern undenkbar, und Familien seien immer mehr Systeme der Kooperation von Perspektivendifferenz. Das heiße jedoch nicht zwingend, dass wir in einer narzisstischen Kultur lebten. In der Gesellschaft löse jedoch immer öfter die Rede bzw. der Sprecher den sachlichen guten Grund ab. Die authentische Rede werde damit in den Rang eines Grundes gesetzt.
 
„Die narzisstische Persönlichkeitsstörung: Genese, Diagnostik und Therapie aus verhaltenstherapeutischer Sicht“ war der Titel des Fachvortrags von Dr. Michael Marwitz, Leiter Therapie in der Schön Klinik Roseneck. Patient/innen, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, gelten als schwer zu behandeln. Im psychotherapeutischen Umgang imponiere die grandiose Darstellung der eigenen Person, das ausgeprägte Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung, oft einhergehend mit demonstrativ zur Schau gestellter Autonomie einerseits und gleichzeitig spürbarer Bedürftigkeit anderseits. Drei Ansatzpunkte seien in der Psychotherapie wesentlich: das Erarbeiten eines realistischen Selbstkonzeptes, der Erwerb funktionaler Emotionsregulationsstrategien und die Verbesserung der Beziehungsfähigkeit.
 
Dr. Martin Altmeyer, Klinischer Psychologe mit eigener Praxis in Frankfurt am Main, stellte die narzisstische Persönlichkeitsstörung als soziale Konstruktion vor. Sozial konstruiert sei nicht nur die narzisstische Persönlichkeitsstörung, sondern der Narzissmus selbst. Denn unsere scheinbare Eigenliebe oder Selbstbezogenheit hätten im Unbewussten die Umwelt im Blick. Den Anderen betrachten wie er mich betrachtet – so laute die narzisstische Grundformel. „Schau mich an! Höre mir zu! Beachte mich! Bewundere mich! Weil Du mir den Blick verweigerst, die Aufmerksamkeit entziehst, die Bewunderung versagst, ziehe ich mich von Dir zurück oder greife Dich an!“: Mit diesen unausgesprochenen Botschaften würden Psychotherapeut/innen in der Psychotherapie konfrontiert. Dabei spanne sich das weite Feld der narzisstischen Störung zwischen eigener Grandiosität („Ich fühle mich großartig, weil eins mit der Welt!“), Rückzugsphantasien („Mit einer Welt, die mich so behandelt, will ich nichts zu tun haben!“) und kompensatorischen Anwandlungen von Wut, Rache und Gegenangriff („Wer mich missachtet oder verletzt, soll spüren, mit wem er es zu tun hat!“). Die globalisierte Medien- und Kommunikationsgesellschaft stelle eine Fülle identitätsstiftender Spiegel- und Resonanzräume zur Verfügung, in denen sich jeder und jede der Welt als unverwechselbar, besonders und einzigartig präsentieren könne – und auf ein soziales Echo warte.
 
Dr. Bärbel Wardetzki beleuchtete in ihrem Vortrag den weiblichen und männlichen Narzissmus. Ausgehend von ihrer psychotherapeutischen Erfahrung mit Frauen, die unter Bulimie leiden, habe sie sich dem weiblichen Narzissmus als Thema zugewandt. Diese Frauen versuchten, ihre Selbstzweifel und Selbstunsicherheit hinter einer selbstbewussten Fassade zu verbergen. Durch Attraktivität, Schlanksein, Leistung, Perfektionismus und Etwas Besonderes-Sein sollen ihre Minderwertigkeitsgefühle ausgeglichen werden. Beide Formen, die männliche und die weibliche, seien wie zwei Seiten einer Medaille und hätten dieselbe narzisstische Grundstörung. Sie zeigten aber nach außen, in ihren Kontakten, jeweils eine andere Seite: den weiblichen Typus der Anpassung und den männlichen der Vermeidung. Bezogen auf die zwei Ausprägungen der narzisstischen Persönlichkeiten könne die weibliche Form dem depressiven Pol und die männliche dem grandiosen zugeordnet werden. Die jeweils andere Seite gehöre jedoch auch dazu, werde aber nicht nach außen gezeigt: Unter der grandiosen Fassade liege eine Depression und hinter der Depression sei die Grandiosität verborgen.
Theater-interaktiv in Aktion auf der Bühne (v. l.): Marcus Morlinghaus, Bente Lay und Jörg Ritscher. (Foto: Siegfried Sperl)
Tosender Applaus für Theater-interaktiv
Eine künstlerische Zusammenfassung des 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentages erlebten die Teilnehmer/innen zum Ausklang der Veranstaltung mit den Schauspielern Jörg Ritscher, Marcus Morlinghaus und Bente Lay von „Theater-Interaktiv“, die das Thema „Narzissmus“ auf der Bühne in einer ganz eigenen Art widerspiegelten: „Als Schauspieler haben wir mit Narzissmus nichts zu tun!“ Mit viel Witz und Humor gestalteten sie in Form von Zitaten, Bildern und Gesten des Tages und aus dem psychotherapeutischen Alltag zugespitzte Szenen, die das Publikum immer wieder zu begeistertem Szenenapplaus und herzhaftem Lachen brachten.
Volles Haus im Carl Orff-Saal des Münchner Gasteigs. (Foto: Siegfried Sperl)
Die Präsentationen der Fachvorträge der Referent/innen finden Sie in den unten stehenden pdf-Dateien, die zum Downloaden vorbereitet sind.
 
 
PTK Bayern
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