Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Bericht zur 16. Delegiertenversammlung am 15.4.2010: Resolution zum besseren Kinder- und Jugendschutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch verabschiedet – Perspektiven der Psychotherapeutenausbildung intensiv diskutiert

22. April 2010 - Ein Schwerpunkt der ersten Delegiertenversammlung im Jahr 2010 lag nach der Vielzahl von Berichten über Gewalt und sexuellen Missbrauch in kirchlichen, privaten und staatlichen Einrichtungen auf der Forderung nach einem verbesserten Kinder- und Jugendschutz. Weiterhin beschäftigte sich die Versammlung nach einem Gastvortrag von Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer, mit aktuellen Tendenzen und Optionen im Gesundheitswesen und dem aktuellen Stand der Diskussion zur Reform der Ausbildung.

Ausgehend von den verschiedenen gesundheitspolitischen Ansätzen von Seiten des Bundes und der Bayerischen Staatsregierung ging Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop zu Beginn des Vorstandsberichtes auf die Initiativen der PTK Bayern hinsichtlich der Reform der Psychotherapeutenausbildung ein. Er hob den Beschluss der Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) vom 31.3.2010 hervor, nach dem der Master bundesweit als einheitliche Zugangsqualifikation für die Ausbildung zur/zum Psychologischen Psychotherapeut/in/en und zur/zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in/en gelten soll und das Bundesgesundheitsministerium (BMG) zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) gebeten wird.

Zum Schwerpunktthema „Gewalt und sexueller Missbrauch in kirchlichen, privaten und staatlichen Einrichtungen“ verabschiedeten die Delegierten eine Resolution, die noch am gleichen Tag als Pressemitteilung an die bayerischen Medien gesendet wurde. In der Resolution wird ein besserer Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt und sexuellem Missbrauch gefordert und den Opfern Unterstützung angeboten. Im Namen der bayerischen Psychotherapeut/inn/en verurteilen die Delegierten jede Form von physischer und psychischer Gewalt und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, sowohl in Institutionen als auch im familiären Umfeld. Die PTK Bayern wirkt, so berichtete Melcop, u. a. im von der bayerischen Justizministerin Beate Merk initiierten „Forum zur Aufarbeitung der Gewalt- und Sexualdelikte an Kindern und Jugendlichen in Bayern“ mit und ist in weiteren Arbeitsgruppen involviert.

Die Versammlungsleiter Ellen Bruckmayer (rechts) und Klemens Funk (Mitte) mit Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop (Foto: Johannes Schuster)

Nach einem Rückblick auf die erfolgreichen und sehr gut besuchten Fortbildungsveranstaltungen in München (Psychotherapie und psychologische Interventionen bei körperlichen Erkrankungen und ADHS) und Nürnberg (Legasthenie-Gutachten) ging der Kammerpräsident auch auf die  Medienresonanz der Pressekonferenz zum Thema „Psychotherapie und psychologische Interventionen bei chronischen Schmerzerkrankungen“ ein, die am 11.3.2010 im Beisein rund 20 Journalist/inn/en im PresseClub München stattfand. Des Weiteren erläuterte Melcop das Engagement der Kammer zur Verbesserung der ambulanten psychoonkologisch-psychotherapeutischen Versorgung von Brustkrebspatientinnen.

Die Delegierten bei der Abstimmung über die Resolution (Foto: Johannes Schuster)
Zum Thema „Nichtraucherschutz und Förderung der Raucherentwöhnung“ beauftragten die Delegierten den Vorstand, „sich auch weiterhin für eine Verbesserung des Schutzes vor den physischen und psychischen Gefahren des Rauchens zu engagieren und bei dem Volksentscheid über ein bayerisches Nichtraucherschutzgesetz den Gesetzentwurf des angenommenen Volksbegehrens zu unterstützen.“
Zum Thema „Ausfallhonorar“ wurde der Podcast eines Live-Interviews mit Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop abgespielt, das am 29.3.2010 in der Hörfunksendung „Notizbuch“ des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt wurde.
Zu den Möglichkeiten zur Einführung eines niedrigschwelligen Beratungsangebots berichtete Melcop zu weiteren geplanten Gesprächen mit der Unabhängigen Patientenberatung (UPD), skizzierte das Projekt „Second Opinion“ und wies auf die für den 10.12.2010 geplante Fortbildungsveranstaltung „Grenzüberschreitungen durch Psychotherapeuten – Nachbehandlung der Patienten“ hin.
Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop während des Vorstandsberichtes (Foto: Johannes Schuster)
Neues im Gesundheitswesen
Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), hielt einen Gastvortrag mit dem Titel „Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung – Herausforderungen und offene Fragen“. In Bezug auf den psychotherapeutischen Versorgungsbedarf leiden 31 Prozent der Menschen zwischen 18 und 65 Jahren (16,5 Mio. Erwachsene) unter einer psychischen Störung. Jährlich kämen rund 700.000 psychotherapeutisch behandlungsbedürftige Kinder und Jugendliche hinzu.
Was die Behandlungskapazität angehe, so stünden mit den ca. 20.000 Vertragspsychotherapeuten, die ambulant behandeln, und im stationären Bereich in Deutschland pro Jahr nur für höchstens 1,5 Millionen Patienten Behandlungsplätze zur Verfügung. Die Unterversorgung psychisch kranker Menschen sei daher gravierend. In zwei Gedankenexperimenten ging Christina Tophoven auf die Bedarfsgerechtigkeit der psychotherapeutischen Versorgung sowie auf das Lösungspotenzial von Kollektiv- und Selektivvertragssystem ein. Fragen wie „Sollte der Zugang zur Psychotherapie gesteuert werden und wenn ja, wie?“, oder „Wie bewertet die Profession Selektiv- und Kollektivverträge?“ würden den Berufsstand in nächster Zeit begleiten. 
16. Delegiertenversammlung am 15.4.2010 in München: Heiner Vogel, Angelika Wagner-Link, Gerda B. Gradl, Nikolaus Melcop, Klemens Funk, Ellen Bruckmayer, Alexander Hillers, Benedikt Waldherr (v. l.) (Foto: Johannes Schuster)
Perspektiven der Psychotherapeutenausbildung
Ausgehend von den Ergebnissen des vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Forschungsgutachtens, die im Mai 2009 veröffentlicht wurden, ging Vizepräsident Peter Lehndorfer zuerst auf das Eckpunktepapier der BPtK ein, das im September 2009 vorgestellt wurde. Nach dem Konsensmodell der BPtK, würde es künftig nur noch eine Approbation zum Psychotherapeuten geben wie bisher nach postgradualer psychotherapeutischer Ausbildung. Während der Ausbildung würde eine Schwerpunktsetzung auf 'Erwachsene' oder 'Kinder und Jugendliche' erfolgen und damit eine entsprechende Fachkunde erworben.
Schwerpunkte des Gastvortrags von Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), waren der psychotherapeutische Versorgungsbedarf und die Behandlungskapazitäten (Foto: Karin Welsch)
Peter Lehndorfer und Heiner Vogel stellten danach die Ergebnisse der beiden BPtK-Workshops vom 22.2.2010 und 12.4.2010 vor. Im ersten Workshop wurden in zwei Arbeitsgruppen die Themen „Hochschulqualifikation“ sowie „Eingeschränkte Behandlungserlaubnis und stationäre praktische Ausbildung“ erörtert. Die Arbeitsgruppen des zweiten Workshops beschäftigten sich mit den Themen „Common Trunk und Schwerpunkt“ sowie „Rechtliche Perspektiven“.
Zum derzeitigen Stand der Diskussion: Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat den Bundesländern mitgeteilt, dass Entscheidungen hinsichtlich der Hochschulqualifikationen Ländersache sei. Die Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) hat Ende März 2010 beschlossen, das BMG aufzufordern, im Psychotherapeutengesetz eine Gesetzesänderung vorzunehmen, die den Master auch für die KJP-Ausbildung vorschreibt. Die Delegierten nahmen in Fortsetzung der breiten Diskussion auf der letzten Delegiertenversammlung erneut zu den verschiedenen Ansätzen Stellung und brachten verschiedene Aspekte ein. Zum Teil wurde das Konsensmodell der BPtK auch kritisiert. Ein Schwerpunkt der Diskussion war die Frage, ob eine beschränkte Behandlungsberechtigung für PiAs eingerichtet werden sollte. Eine abschließende Abstimmung war in dieser Delegiertenversammlung nicht vorgesehen.
Die Diskussionen werden beim 16. Deutschen Psychotherapeutentag am 8. Mai 2010 in Berlin fortgeführt. Die Delegierten sprachen sich dafür aus, dass dort auch Entscheidungen gefällt werden sollten. Im Fokus stehen dann u. a. die Fragen nach der akademischen Grundqualifikation, nach ein oder zwei Berufen sowie nach der Ausgestaltung der praktischen Tätigkeit der PiAs und der damit evtl. einhergehenden vorläufigen Behandlungserlaubnis. Der Vorstand wies darauf hin, dass die Komplexität des Themas zwar einen längeren Diskussionsbedarf erfordere, dieser jedoch angesichts der Legislaturperiode des Deutschen Bundestags sowie der Wahlperiode der BPtK aus Zeitgründen nicht gegeben sei und deshalb möglichst rasch zu einem Ende geführt werden sollte. Der anwesende Vertreter des Ministeriums unterstrich den Zeitdruck für eine konsentierte Stellungnahme des Berufsstandes.
Berichte aus den Ausschüssen  
Die Berichterstatter der Ausschüsse der Kammer für Aus-, Fort- und Weiterbildung (Klemens Funk), für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen (Martina Kindsmüller) sowie Psychotherapie in Institutionen (Dr. Peter Dillig und ergänzend Vorstandsmitglied Heiner Vogel) stellten ausführlich die Ergebnisse und Vorschläge aus ihren Sitzungen vor. Die Delegierten und der Vorstand bedankten sich bei den Ausschüssen für die geleistete Arbeit.
 
Vorläufige Aussagen zum Haushaltsbericht 2009
Aufgrund eines unfallbedingten Personalausfalls wurde der formale und korrekte Haushaltsabschluss dieses Mal auf die zweite Delegiertenversammlung des Jahres verschoben. Vizepräsident Peter Lehndorfer stellte aber bereits einige Kernaussagen zum erwarteten Jahresabschluss 2009 vor. Danach wird es bei den Einnahmen und Aufwänden keine außergewöhnlichen Abweichungen geben. Der Vorstand erwartet eine positive Summe zum Jahresabschluss des Haushaltes. Sonderberichte zum Psychotherapeutenjournal, zum Relaunch der PTK-Website und moderneren EDV sowie zum aktuellen Stand des Erwerbs einer Immobilie für die Geschäftsstelle rundeten diesen TOP ab.
Weitere Schwerpunkte der Delegiertenversammlung
Am Ende der 16. Delegiertenversammlung informierten die satzungsgemäßen Vertreter der Ausbildungsinstitute (Susanne Färber), der Psychotherapeut/inn/en in Ausbildung (Lisa Brendel) sowie der Hochschulen (Prof. Angelika Weber) über ihre Tätigkeit.
 
PTK Bayern
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