Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

2. Bayerischer Landespsychotherapeutentag (LPT): Eröffnung von Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der PTK Bayern

12. Oktober 2006 - Sehr geehrte Damen und Herren,mitten in der heftig geführten Debatte um die Gesundheitsreform veranstalten wir einen Landespsychotherapeutentag mit dem Thema: Prävention psychischer Störungen. Warum haben wir gerade dieses Thema gewählt? – weil es eines der wichtigsten unserer Zeit ist. Wir Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, wir als bayerische Landespsychotherapeutenkammer, sehen uns, nicht zuletzt angesichts der enormen Zuwachsraten an psychischen Störungen, besonders in der Verantwortung, unser psychologisch-psychotherapeutisches Fachwissen zur Verhinderung psychischer Störungen mit einzubringen. 

Sie werden mir vermutlich zustimmen, wenn ich sage: Die Förderung von Gesundheit und die Verhinderung von Krankheit muss immer wesentliches Ziel jedes Menschen, jedes Politikers und jedes Tätigen im Gesundheitswesen sein. Jede Reform des Gesundheitswesens muss dieses Ziel zumindest implizit vorrangig anstreben.

Ich möchte jetzt zunächst kurz auf unsere Vorstellungen von Prävention psychischer Störungen eingehen, um dann den Bezug zur Gesundheitsreform und den aktuell vorgestellten Gesetzesentwürfen herzustellen.

Eine banale Erkenntnis scheint noch nicht selbstverständlich, deshalb wiederhole ich sie hier: Effektive präventive Maßnahmen verhindern nicht nur Krankheit und Leid, sie steigern die Lebensqualität und sie helfen Geld zu sparen, weil Kosten für die Krankenbehandlung gar nicht erst entstehen. Beim Impfen, gesunder Ernährung und Zähneputzen ist das Bewusstsein der einzelnen Menschen und im Gesundheitswesen weiter entwickelt. „Psychohygiene“ darf nicht ein Schlagwort bleiben. Psychohygiene oder auch angemessene Achtsamkeit für die eigene Befindlichkeit muss für alle Menschen im Alltag wichtig und machbar werden.

Die Prävention psychischer Störungen ist ein Feld, das das Menschsein in der Welt zentral thematisiert. Die weit reichenden Erkenntnisse der neuropsychologischen und pharmakologischen Forschung liefern wichtige Beiträge zum Verständnis psychischer Störungen. Aber gerade bei der Prävention wird wie bei jeder guten Psychotherapie deutlich: Präventive Ansätze müssen immer beide Seiten im Auge haben: Auf der einen Seite den einzelnen Menschen, das Individuum, von seinen biologischen Grundlagen bis hin zur individuellen Lebensgestaltung. Auf der anderen Seite muss der einzelne Mensch in seiner Lebenswelt und damit die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten zur Entfaltung gesunden Lebens gesehen werden. Die „Impfung“ von Kleinkindern zur Verhinderung einer depressiven oder einer anderen psychischen Störung, wenn es sie gäbe, könnte die krankmachenden Bedingungen einer individualisierten Gesellschaft nicht aushebeln. Die biologische-mechanistische Sichtweise kann uns alle sicher nicht von unserer individuellen Lebensverantwortung entbinden - auch wenn viele dies gerne so praktizieren würden – und z.B. vom Arzt nur das richtige Medikament erwarten. Ein möglichst gesundes und gutes, d.h. auch verantwortungsvolles und sinnhaftes, Leben aktiv zu führen macht unser Menschsein aus. Dazu gehört auch, für Kinder und Jugendliche die Bedingungen für ein möglichst gesundes Aufwachsen zu schaffen und Ihnen die Fähigkeiten für die Bewältigung psychischer Risiken und Belastungen so gut wie möglich zu vermitteln.

Wir können heute beide Trends beobachten: einerseits wird Selbst-Verantwortung, Disziplin und Leistung immer feinmaschiger und früher im Lebensverlauf erbracht. Andererseits werden wir immer mehr quasi selbstverständlich von technologischen Möglichkeiten einschließlich der Pharmakotherapie umgeben, durchzogen und eingewoben.

Was jedoch vom Einzelnen - und der Gesellschaft in Deutschland bisher nur ansatzweise verwirklicht wird, ist die systematische Umsetzung von Maßnahmen, die nun tatsächlich psychische Störungen verhindern. Aber vielleicht befinden wir uns ja, historisch gesehen, in einem Vorstadium zu dieser Phase. Vielleicht wird die verstärkte Dokumentation manifester psychischer Störungen, ihr vermehrtes Auftreten ein Umdenken bahnen.

Die Tatsache ist noch viel zu wenig bekannt, dass Psychologisch-psychotherapeutischer Sachverstand wesentliche Beiträge und Konzepte für eine präventive Neuorientierung im Gesundheitswesen liefern kann - sowohl zur Verhinderung von Notlagen Einzelner als auch von gesamtgesellschaftlichen Kosten.

Wir möchten heute Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Gelegenheit geben, ihr Wissen auf den neuesten Stand zu bringen und uns alle dazu motivieren, neben der harten Arbeit am einzelnen Patienten, gemeinsam zu überlegen, wie wir präventive Ansätze noch besser unterstützen und umsetzen helfen können. Das fängt natürlich immer auch bei uns selbst, in unserer eigenen Arbeit, Freizeit und Familie an.

Wir möchten aber natürlich auch insbesondere unseren Kooperationspartnern im Gesundheitswesen und politisch Verantwortlichen und nicht zuletzt der Öffentlichkeit zeigen, dass die Prävention psychischer Störungen noch in den Kinderschuhen steckt, obwohl schon längst vieles flächendeckend umgesetzt werden könnte.

Es wird heute ein Überblick über das Feld aus der Sicht von Wissenschaft, Politik und Praxis gegeben und in die Vielzahl und auch in die Nachhaltigkeit schon vorhandener wissenschaftlich fundierter und auch überprüfter Konzepte und Projekte zur Prävention psychischer Störungen. Dies ist ein Überblick und gleichzeitig doch nur ein kleiner Einblick, der viele weitere interessante Projekte und Programme aus Zeitgründen nicht berücksichtigen kann.

Fachgerechte Psychotherapie ist selbst in der Regel schon eine präventive Maßnahme, ein wichtiger Typ von Prävention. Unsere tägliche Praxis als Psychotherapeuten führt ebenfalls unweigerlich zu diesem Thema. Mit einer Psychotherapie können in den allermeisten Fällen Chronifizierungen und Rückfälle vermieden werden. Fachgerechte Psychotherapie ist vergleichsweise günstig und gut kalkulierbar. Wenn Menschen, die unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung leiden und keine Behandlung erhalten, häufiger eine Psychotherapie angeboten würde, wäre dies eine präventive Maßnahme. Dies trifft natürlich insbesondere auf behandlungsbedürftige Kinder und Jugendliche, aber auch auf viele andere Personengruppen zu. Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass wir mit unserem Angebot Psychotherapie nicht ansatzweise allen Menschen helfen können, die unsere Hilfe bräuchten.

Prävention wird noch viel zu häufig ausschließlich als Verhinderung körperlicher Krankheit verstanden. Präventionsprogramme wirken oft nicht, da sie nur auf Wissensvermittlung setzen, den Einzelnen nicht erreichen und nicht evaluiert sind. Psychotherapeuten dagegen begreifen den Menschen sowohl in seiner Entwicklung als auch in seinem konkreten Lebensumfeld, können damit den Einzelnen direkt erreichen und ansprechen. Ausgangspunkt muss die individuelle Lebensgestaltung, die Motivation des einzelnen sein. Aber ohne Verhältnisprävention, ohne den Blick auf die Lebenswelt, d.h., dass die Umgebung diese Lebensform fördert, kann es auch nicht gehen. Wenn ich dem Kind die richtigen Lernanreize nicht gebe, kann es nicht lernen. Wenn Alkohol Teil von kollektivem Feiern und Freude ist, sind Alkoholkrankheiten wahrscheinlicher. Bulimie und Magersucht sind Krankheiten, die im Zusammenhang mit den allgegenwärtigen Schlankheitsidolen zu sehen sind. Ohne diese Ideale von Schönheit und Glück, ohne diesen sozialen Kontext, gäbe es sie in dieser Form nicht.

Leider steckt die Umsetzung der Möglichkeiten, die die Prävention psychischer Störungen bietet, noch in den Kinderschuhen, obwohl schon längst vieles flächendeckend umgesetzt werden könnte.
Angesichts der geplanten Gesundheitsreform sehen wir es als unsere Verantwortung an, deutlich zu machen, dass hier bisher im Bereich der Prävention - und - auch in Bezug auf die Versorgung psychisch kranker Menschen - eine falsche und gefährliche Prioritätensetzung vorgenommen wird.

Diese Reform berücksichtigt in den bekannt gewordenen Gesetzesentwürfen das Hauptziel jeder Gesundheitspolitik, nämlich die Förderung von Gesundheit und die Verhinderung von Krankheit, bisher nur punktuell.

Die Entwürfe bringen darüber hinaus auch eine massive Gefahr für die existierende Versorgung psychisch kranker Menschen mit Psychotherapie mit sich. Dass große finanzielle Verschiebungen mit neuen großen Defizitstrukturen geplant werden – und dies evtl. Bayern deutlich härter treffen könnte als andere Bundesländer - ist bekannt. Aber noch viel weitreichender sind die geplanten strukturellen Maßnahmen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass zukünftig die Strukturen nur noch zentral von Bundesverwaltungen gemacht werden. Vorbildliches in Bayern – und auch in anderen Bundesländern - für die psychotherapeutische Versorgung würde verloren gehen oder wäre in Gefahr, angefangen von Strukturverträgen über die Qualitätssicherung bis hin zum Zulassungswesen – und auch Präventionsprojekte. Der Aufbau dieser Strukturen war nur möglich, weil wir Berufsvertreter zusammen mit den Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und Landespolitikern seit vielen Jahren beharrlich und innovativ gearbeitet haben. Wir haben erreicht, dass das Verständnis für die Besonderheit unseres Faches gewachsen ist – auch dies ein wichtiger Schritt zur Prävention psychischer Störungen. Regionale Strukturen des Gesundheitswesens müssen erhalten bleiben!

Die Politik muss sich die Mühe machen, sich nicht nur für die Organmedizin Strukturvorgaben und innovative Elemente zu überlegen, sondern den Bereich der psychotherapeutischen Behandlung psychischer Störungen gezielt zu schützen und zu fördern. Wir sind bereit mitzuarbeiten, und haben auch der Landespolitik frühzeitig, schon vor den Eckpunkten, unsere Bedenken für die bayerische Versorgungslandschaft und auch unsere Vorstellungen zur Prävention mitgeteilt.

In den allgemeinen Erläuterungen zum 3. Entwurf des Gesundheitsreformgesetzes (WSG - Wettbewerbsstärkungsgesetz) vom 25. September wird behauptet, Prävention solle zu einer „eigenen Säule des Gesundheitswesens“ werden. Im Übergang vom 1. auf den 2. und den 3. Arbeitsentwurf des Gesetzes wurden aber vorgesehene Leistung zur Prävention wieder gestrichen – und zwar ausgerechnet die besonders wirksamen und nachhaltigen lebensweltlichen Ansätze. Gerade sie sind jedoch, wie dargestellt, unverzichtbar. Psychische Störungen tauchen bisher in den Gesetzentwürfen nicht auf, v.a. betriebliche Prävention, Schutzimpfungen und Selbsthilfe. Das sind wichtige Bereiche, aber Prävention muss sich auf alle Lebensbereiche und Lebensalter beziehen und die Prävention psychischer Störungen explizit einbeziehen. Von einer eigenen „Säule“ kann überhaupt nicht die Rede sein.

Wie notwendig eine Konzentration auf vorbeugende Maßnahmen auch aus finanzieller Sicht wäre, verdeutlichen auch folgende Zahlen: Im Jahr 2004 wurden in Deutschland 234 Mrd. € für Gesundheitsausgaben aufgewendet. Davon entfielen auf Prävention und Gesundheitsschutz insgesamt lediglich 9 Mrd. € - knapp 4%. Nach Schätzungen des Sachverständigenrats für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen ließen sich rund 25%-30% der heutigen Gesundheitsausgaben durch langfristige Prävention vermeiden.

Es wird deutlich, dass diese Gesundheitsreform mit der Ziellinie: „finanzielle Löcher stopfen“ durch Umschichten von Einnahmen und Ausgaben vorgeht. Zukunftsvisionen für die Weiterentwicklung der Gesundheitsförderung der Menschen werden nicht formuliert und nicht angegangen. Präventive Maßnahmen, breit angelegt, flächendeckend müssten gleichberechtigt neben der Behandlung von Krankheiten in ein Gesamtkonzept eingebaut werden. Der Verweis auf das geplante – eigene – Präventionsgesetz reicht hier nicht aus. Dieses Gesetz wurde bereits einmal, im vergangenen Jahr praktisch fast unabhängig von der Gesundheitsreform verhandelt und auf unbestimmte Zeit wieder verschoben. Auch diese Vorgehensweise zeigt, dass nicht wirklich umgesteuert werden soll.
Die Gesundheitsreform muss die Prävention psychischer Störungen mit berücksichtigen.
Sie können unsere genauen Forderungen auch unserem Thesenpapier entnehmen, das wir ausgelegt haben. Ich möchte hier nur die wichtigsten betonen:
  • Wir fordern insbesondere spezifische Maßnahmen für Kinder und Jugendliche: Förderung der Erziehungskompetenz der Eltern, Vorsorgeuntersuchungen auch für psychische und psychosoziale Auffälligkeiten, Maßnahmen für Problemgruppen und die Förderung von Psychotherapie zur Verhinderung von Chronifizierungen.
  • Wir fordern, dass Private Krankenkassen Psychische Störungen und die Behandlung durch Psychotherapeuten nicht ausschließen dürfen.
  • Präventionsprogramme für psychische Störungen müssen flächendeckend für alle Lebensbereiche und Lebensalter umgesetzt werden. Und die Vielzahl von existierenden Projekten müsste besser vernetzt und auch evaluiert werden.
  • Regionale Strukturen dürfen in der Gesundheitsreform nicht zugunsten zentraler Defizitsteuerung wegrationalisiert werden.
  • Sowohl im Wettbewerbsstärkungsgesetz (WSG) als auch im geplanten Präventionsgesetz muss die organmedizinische Sichtweise durch eine multiprofessionelle Sichtweise ersetzt werden. Die Förderung der Prävention psychischer Störungen und der Prävention in Lebenswelten muss mit aufgenommen werden. Psychologisch-psychotherapeutischer Sachverstand muss einbezogen werden.

Wir Psychotherapeuten, wir Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, arbeiten Tag für Tag daran, in einer Klinik, Einrichtung oder in eigener Praxis, Menschen zu einem gesünderen Leben zu verhelfen, ihre individuellen Behinderungen und Störungen zu überwinden. Dies ist eine schöne, dies ist eine anstrengende, eine spannende und eine erfüllende Arbeit. Wir gehen eine professionelle hilfreiche Beziehung ein und fördern mit unseren fachspezifischen Interventionen bei den Menschen die Möglichkeit, das Wissen und die Motivation, Störungen und Störungsmuster zu überwinden in ihrem konkreten Lebensumfeld. Lebensumfelder können wir nur begrenzt ändern, auch wenn wir teilweise mit Partnern und Familien arbeiten. Aber wir können und müssen auch bestehende systematische Barrieren und Gefahren für gesunde Entwicklung berücksichtigen, thematisieren und ändern helfen.

Ich möchte Sie alle dazu aufrufen, gemeinsam mit uns aktiv für Bedingungen einzutreten, damit mehr psychische Gesundheit in der Gesellschaft entstehen kann und psychische Störungen wieder seltener werden können.
Wir wollen keine zentral verwaltete Gesundheits-Bürokratie, die uns und den Patienten noch mehr die Luft zum Atmen nimmt!
Wir wollen - und wir werden unsere Fähigkeiten einbringen, so wie wir es gelernt haben und wie wir uns permanent weiter verbessern!

Wir fordern, dass unsere Arbeit gefördert und nicht behindert wird! Dieses Signal soll heute von hier aus ausgehen! Ich wünsche Ihnen allen einen spannenden und anregenden Tag!

Vielen Dank!

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