Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Fachtag „Psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen“ des Bayerischen Gesundheitsministeriums: Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop und Vizepräsident Peter Lehndorfer unter den Experten

Im Rahmen des Jahresschwerpunkts „Psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege hat die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml am 8.6.2016 in München den ersten Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Bayern vorgestellt. In einer moderierten Gesprächsrunde, an der auch Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop teilnahm, wurde das Thema vertieft. Vizepräsident Peter Lehndorfer hielt einen Fachvortrag zum Thema „Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – Versorgung durch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen und Psychologische Psychotherapeut/innen“.

In einer Pressekonferenz und in ihrem Grußwort hob die Ministerin die Bedeutung des bisher bundesweit einzigartigen Berichtes hervor. Die Daten des Berichtes, den das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erstellt hat, basieren auf Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), Krankenhausstatistiken und diversen Studien, so u. a. der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS). Der 98 Seiten umfassende neue Bericht nennt auch Hilfsangebote und Anlaufstellen. „Ich möchte daraufhin hinwirken, dass die Betroffenen frühzeitig Hilfe finden. Deshalb dürfen psychische Krankheiten kein Tabu sein“, sagte Melanie Huml. Die Anzahl der psychisch kranken Kinder und Jugendlichen, die ambulant oder stationär behandelt wurden, sei in den letzten Jahren gestiegen. Das liege zum Teil einerseits daran, dass psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen mehr in den gesellschaftlichen Fokus gerückt sei, andererseits daran, dass die entsprechenden Behandlungsangebote ausgeweitet werden konnten. „Das ist positiv, weil es dabei hilft, psychische Erkrankungen weiter zu entstigmatisieren“, betonte die Ministerin.

Skirennläuferin Viktoria Rebensburg, Olympiasiegerin und Vizeweltmeisterin im Riesenslalom, unterstützt die Schwerpunktkampagne des Gesundheitsministeriums. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz betonte sie, dass es auch im Sport gelte, psychisch stark zu sein, weil Training und Wettkämpfe viel Disziplin, Willen und Durchhaltevermögen erforderten. „Ich hatte das Glück, dass meine Eltern und mein Trainer mich gefordert haben – ganz ohne Druck. So eine Unterstützung ist besonders bei Kindern und Jugendlichen wichtig.“

Mehr zur Kampagne „Ganz schön gemein“ des Bayerischen Gesundheitsministeriums, das mit diesem Motto ausdrücken will, dass eine psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen eine gemeine Sache ist, weil sie an deren Entstehung genauso wenig „Schuld“ tragen wie bei körperlichen Erkrankungen, finden Sie hier.

In der von Antenne Bayern-Redakteur Hans Oberberger moderierten Gesprächsrunde erläuterte Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop zunächst Beispiele dafür, mit welchen Anliegen Kinder und deren Eltern in die psychotherapeutische Praxis kommen. Melcop informierte, dass bei Kindern und jüngeren Jugendlichen auch die Eltern intensiv mit in die Psychotherapie einbezogen werden. Bei Kindern im Grundschulalter seien Symptome einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung ein häufiger Vorstellungsgrund. Jugendliche kämen beispielsweise wegen depressiver Erkrankungen oder Essstörungen in psychotherapeutische Behandlung.

Die bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, stellte den ersten Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen im Freistaat vor. Foto: Johannes Schuster

Prof. Dr. Manfred Wildner, Leiter des Landesinstituts Gesundheit am LGL, referierte über die wichtigsten Ergebnisse aus dem neuen Bericht. 2014 wurden mehr als 6000 Kinder unter 15 Jahren und fast 14.000 Jugendliche im Alter von 15 bis unter 20 Jahren in Bayern aufgrund einer psychischen Erkrankung voll stationär behandelt. Mit der Einschulung wird ADHS relevant. Mehr als 80.000 Kinder und Jugendliche hatten in 2014 diese Diagnose. Mit mehr als 14.000 Diagnosen gewannen depressive Erkrankungen im Jugendalter an Bedeutung. Erfreulich ist die Entwicklung beim Alkohol- und Tabakkonsum: Zwar mussten 2014 5000 Heranwachsende unter 20 Jahren mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, insgesamt geht jedoch die Zahl der Krankenhauseinweisungen infolge von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen in Bayern zurück. 8,1 Prozent der Neunt- und Zehntklässler haben einen riskanten Alkoholkonsum. Der Anteil der jugendlichen Raucher im Alter von 12-17 Jahren hat mit 9,6 Prozent im Jahr 2015 den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebungen Ende der 1970 er Jahre erreicht. Jeder vierte der 15-16-Jährigen hat Cannabis konsumiert. Im Jahr 2014 wurden darüber hinaus bei rund 170.000 bayerischen Kindern und Jugendlichen Sprachentwicklungsstörungen diagnostiziert. Im gleichen Jahr wurden in Bayern 10.500 Kinder und Jugendliche ambulant wegen einer Essstörungen behandelt. Schätzungen zufolge wachsen in Bayern 450.000 bis 500.000 Kinder unter 15 Jahren mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf. 60 Prozent der Kinder eines depressiven Elternteils entwickeln im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung.

Den kompletten Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Bayern finden Sie in der unten stehenden Liste zum Herunterladen.
 

Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop (2. v. r.) mit Moderator Hans Oberberger (links), Dr. Harald Tegtmeyer-Metzdorf, Sprecher des Ausschusses für Psychosomatik und Psychotherapie im Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte (BVKJ) Landesverband Bayern, Viktoria Rebensburg, Ski-Doppel-Olympiasiegerin und Unterstützerin der Schwerpunktkampagne des Gesundheitsministeriums sowie Dr. Daniela Thron-Kämmerer, Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. Regionalgruppe Bayern. Foto: Johannes Schuster

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU München, bedauerte in seinem Fachvortrag „Schutzfaktoren und Risiken für psychisch gesundes Aufwachsen“, dass immer noch zu viele psychisch kranke Kinder und Jugendliche die Versorgungsangebote nicht annehmen. Die, die behandlungsbedürftig psychisch erkrankt seien, würden teilweise nicht erreicht, betonte er. Wichtig sei es, durch den Ausgleich von und dem Schutz vor Risiken ein Gleichgewicht zwischen den Risiken und den Ressourcen herzustellen. Darüber hinaus erläuterte der Referent die Studie „Primärprävention von Depression bei Kindern und Jugendlichen mit einem an Depression erkrankten Elternteil“ (PRODO) der LMU München. Im Rahmen der PRODO-Studie werde aktuell ein familienbasiertes Präventionsprogramm zur Reduktion des Erkrankungsrisikos für eine depressive Störung und zur Verbesserung von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen evaluiert.

Prof. Dr. med. Franz Freisleder, Ärztlicher Direktor des kbo-Heckscher Klinikums, ging in seinem Fachvortrag der Frage nach, welche Herausforderungen es in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung in Bayern gibt. Diese sei in den letzten 20 Jahren konsequent ausgebaut worden. Heute seien 1066 voll-und teilstationäre Plätze in Bayern vorhanden. Des Weiteren seien in den letzten 20 Jahren neue störungsspezifische Therapieformen etabliert worden. Die Nachfrage nach psychiatrischer Abklärung habe deutlich zugenommen.

Aus der Perspektive der Jugendhilfe informierte Isabella Gold, Leiterin des Referats „Jugendpolitik – Jugendhilfe“ im Bayerischen Sozialministerium, über die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere stellte sie dabei das bayerische Konzept der Koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi) heraus, das 2009 flächendeckend in Bayern eingeführt wurde. 2012 wurde das KoKi-Konzept durch das Bundeskinderschutzgesetz zum bundesweiten Standard. Im „KoKi-Netzwerk frühe Kindheit“ bieten u. a. Akteure der Jugendhilfe, Schulen, die Polizei, Beratungsstellen und Jugendämter den Eltern ein umfassendes Unterstützungs- und Hilfeangebot. Die Kinder- und Jugendhilfe bietet Perspektiven und Unterstützungsmöglichkeiten und insbesondere Potenziale in der Prävention. Das seien wichtige Beiträge zur Verringerung von Risiken und zur Erhöhung der Schutzfaktoren. Wörtlich sagte Isabella Gold: „Es ist nichts Schändliches, professionelle Hilfe bei psychischen Erkrankungen in Anspruch zu nehmen.“

Kammervizepräsident Peter Lehndorfer gab in seinem Fachvortrag einen Überblick über den Anteil psychisch belasteter und kranker Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien, ging auf das Berufsbild und das Tätigkeitsspektrum der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ein, informierte über den aktuellen Stand der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Bayern und skizzierte, inwieweit es in der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen noch Entwicklungspotenziale gibt. Dabei präsentierte er u. a. Teilergebnisse einer im Juli 2016 erscheinenden Studie der Bundespsychotherapeutenkammer, die anhand von Sozialdaten von Krankenkassen die ambulante psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen untersuchte.

Hinsichtlich der Versorgung kritisierte Lehndorfer insbesondere die hohen Wartezeiten auf einen ambulanten Therapieplatz. „Wir brauchen eine Neuberechnung der Verhältniszahlen oder eine Morbiditätsorientierung in der Bedarfsplanung“, betonte er. Wichtig seien auch mehr regionale Steuerungsmöglichkeiten und die Nutzung regionaler Spielräume, beispielsweise im Landesausschuss bzw. in den Zulassungsausschüssen. Er monierte auch die weitgehende 'Nicht-Berücksichtigung' der Psychotherapeut/innen beim bundesweiten Präventionsgesetz. Am Ende seines Vortrags richtete Lehndorfer einen Appell an die Bundespolitik, mit Unterstützung der Landespolitik noch in dieser Legislaturperiode die Novellierung des Psychotherapeutengesetzes umzusetzen, um die psychotherapeutische Versorgung der Kinder und Jugendlichen in Bayern und bundesweit weiter verbessern und für die Zukunft sichern zu können. Den Fachvortrag von Peter Lehndorfer finden Sie in der unteren Liste zum Herunterladen.
 

 

Vizepräsident Peter Lehndorfer: „Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter ist nachweislich wirksam.“ Foto: Johannes Schuster

Am Ende des Fachtags schilderte Martina Heland-Gräf, Vorstandsmitglied des Bayerischen Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener e. V., ihre persönliche bewegende Krankheits-und Familiengeschichte und skizzierte die familieneigenen Lösungen und Strategien, trotz der psychischen Erkrankung der Mutter ein „normales“ Familienleben führen zu können. „Ein ganz normales Leben, nur anders halt“, wie sie es bezeichnete. „Das Wichtigste ist reden, jedem zuhören und kommunizieren“, betonte die Referentin. Den rund 250 Teilnehmer/innen des Fachtags gab sie Folgendes mit auf den Weg: „Es muss Stellen geben, an die sich psychisch kranke Kinder und Jugendliche wenden können. Wichtig ist, dass sie ihre Probleme mit einem Menschen besprechen können.“

Der Fachtag fand im Max-Joseph-Saal der Münchener Residenz statt. Das Interesse an der Veranstaltung war mit rund 250 Teilnehmer/innen groß. Foto: Johannes Schuster

PTK Bayern

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