Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Leserbrief der PTK Bayern zur Dokumentation der Süddeutschen Zeitung (27.03.2014) „Wer hat Angst vorm Seelenarzt?“

28. März 2014 - Am 11. März 2014 veranstaltete das Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung in München eine Podiumsdiskussion zum Thema 'Psychiatrie – was ist das?'. Die SZ hat in ihrer Ausgabe vom 27. März 2014 über diese Veranstaltung berichtet. In dem Artikel wird u. a. Prof. Dr. Thomas Pollmächer, Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit, Ingolstadt, zitiert. Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop hat aufgrund unwahrer Behauptungen und Aussagen, die unseren Berufsstand entwerten, der Süddeutschen Zeitung einen Leserbrief zugesandt, den wir hier veröffentlichen:

Prof. Dr. Thomas Pollmächer wird in dem Artikel mit der Aussage zitiert, dass sich in Deutschland eine „gefährliche Zweispurigkeit“ der Behandlung etabliert habe. „Zehntausende medizinisch nicht ausgebildete Psychotherapeuten“ behandelten „ohne eine vorherige Abklärung durch einen Arzt“. Diese Aussage ist in Bezug auf Psychologische Psychotherapeut/innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen falsch, denn das Psychotherapeutengesetz sieht in § 1 Abs. 3 ausdrücklich eine ärztlich-somatische Abklärung vor, die vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung eingeholt wird. Es wird damit von Herrn Pollmächer ein ganzer Berufsstand mit rund 40.000 Psychotherapeut/innen in Deutschland entwertet, die insbesondere im ambulanten und stationären Bereich psychisch und psychosomatisch kranke Patient/innen behandeln. Sowohl in den relevanten wissenschaftlichen Ansätzen als auch in Studium und Ausbildung von Psychotherapeut/innen hat die somatische Ebene psychischer und psychosomatischer Störungen einen zentralen Stellenwert. Wenn während einer Psychotherapie Fragestellungen aus dem ärztlichen Bereich relevant werden, wie beispielsweise zu einer medikamentösen Behandlung oder weiterer somatischer Abklärungen, ist die kollegiale Abstimmung und Zusammenarbeit mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt selbstverständlich. Herr Pollmächer scheint auch den Unterschied zwischen Psychologen und Psychologischen Psychotherapeut/innen bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen nicht zu kennen. Psychologische Psychotherapeut/innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen absolvieren nach ihrem akademischen Studium zusätzlich eine drei- bis fünfjährige Ausbildung, vergleichbar der ärztlichen Weiterbildung, und erlangen nach einem Staatsexamen mit ihrer Approbation die Zulassung zur Ausübung eines Heilberufes.

Die einseitige Fixierung auf ein medizinisches Studium, das Herr Pollmächer herausstellt und offensichtlich für die einzige zielführende und bevollmächtigte Ausbildung hält, negiert kenntnisfern, dass es einen weiteren akademischen Heilberuf gibt, der psychisch und psychosomatisch kranke Menschen behandelt – auch in der Psychiatrie. Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlungen ist wissenschaftlich sehr gut erforscht, besser als bei den meisten rein somatischen Behandlungen. Eine „gefährliche Zweispurigkeit“ der Behandlung – wie von Herrn Pollmächer kolportiert – kann ich nicht erkennen. Angst „vorm Seelenarzt“ – wie vor Psychotherapeut/innen – brauchen die Patient/innen aus dargelegten Gründen also mit Sicherheit nicht haben, aber Hoffnung auf Hilfe dürfen sie haben. Ich möchte anregen, dass an weiteren Gesprächsrunden zu diesen Themenbereichen von der SZ auch Psychotherapeut/innen beteiligt werden.

Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

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