Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

PTK Bayern nimmt an der Protestveranstaltung „Tag der Ärzte“ in München teil

23. Januar 2006 - Die PTK Bayern erklärt sich solidarisch mit den Protestaktionen der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen und unterstützt diese.  

Die Veranstalter hatten uns eingeladen, den „Tag der Ärzte“ am 18.01.2006 ab 11:00 Uhr auf dem Marienplatz in München zu unterstützen und auf die besondere Situation der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im System des Gesundheitswesens in einem eigenen Redebeitrag als Gastredner hinzuweisen.  

Wir haben uns zur Teilnahme an dieser Veranstaltung und Vertretung der Interessen entschlossen, da unsere Berufsgruppe mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen viele Gemeinsamkeiten hat. Gemeinsam sind wir für die Gesundheitsversorgung der Menschen in Bayern verantwortlich. 

Alle sind wir in tiefer Sorge, dass das nächste geplante Kapitel in der unendlichen Geschichte der Reformen des Gesundheitswesens nicht Verbesserungen, sondern reine ökonomische Einsparungen auf Kosten der Patientenversorgung und unseres ohnehin schon überbürokratisierten Arbeitsalltages bringen wird. Im Vordergrund der Diskussionen um Reformkonzepte steht derzeit fast ausschließlich die Frage der Finanzierbarkeit. Hier muss ein grundsätzliches Umdenken einsetzen!

Wir müssen unsere Patientinnen und Patienten als wichtigster Teil des Gesundheitssystems vor weiteren zu kurz gedachten und unter dem Strich schädlichen Novellierungen  schützen und gleichzeitig sinnvolle und solidarische, auf das Gemeinwohl bedachte Weiterentwicklungen unterstützen.

Dazu gehört auch eine zielführende Förderung des beruflichen Nachwuchses. Hier hat z.B. ein Bachelor-Abschluss, als ökonomisch intendierte Absenkung der beruflichen Qualifikation nichts zu suchen – weder bei Psychotherapeuten noch bei Ärzten!

Wir fordern ferner die Bezahlung der praktischen Teile unserer Ausbildung und eine angemessene Honorierung für die angestellten und für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Planstellen für Psychotherapeuten und Ärzte dürfen nicht einfach in weniger qualifizierte Stellen umgewandelt  und die zu leistende Arbeit auf die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen umverteilt werden!
Die Vizepräsidentin, Fr. Dipl.-Psych. Gerda B. Gradl, hat deshalb an dem Protesttag in München für die Kammer teilgenommen und unsere Forderungen und Positionen in einem Redebeitrag vertreten.
 
 
 
„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erklärt sich solidarisch mit den Protestaktionen der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen und unterstützt diese. Gemeinsam stellen unsere Berufsgruppen, Ärzte und Psychotherapeuten, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in Bayern sicher. Alle sind wir in tiefer Sorge, dass das nächste geplante Kapitel in der unendlichen Geschichte der Reformen des Gesundheitswesens nicht Verbesserungen, sondern rein ökonomische Einsparungen auf Kosten der Patientenversorgung bringen wird und eine erneute Ausweitung unseres ohnehin schon überbürokratisierten Arbeitsalltages.

Wir Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten halten eine vernünftige Weiterentwicklung für dringend notwendig, aber: Im Vordergrund der Diskussionen um Reformkonzepte steht derzeit leider fast ausschließlich die Frage der Finanzierbarkeit. Es ist eine Tatsache, dass psychische Störungen und Krankheiten in der Bevölkerung stark zunehmen. Woher dieses Problem kommt und wie ihm begegnet werden kann, wird in der Regel bei der Frage der Reformierung des Gesundheitswesens nicht diskutiert. Das ist ein gravierender Fehler.

Die Zunahme psychischer Störungen bei sehr verschiedenen Zielgruppen, z.B. Schülern, Arbeitnehmern, alten Menschen erklärt sich nicht allein durch eine verbesserte Diagnostik. Sie steht auch im direkten Zusammenhang mit den gravierenden gesellschaftlichen Umwälzungen und den Möglichkeiten der einzelnen Menschen, diese subjektiv zu verarbeiten.
Die Menschen wissen, dass sie nur mit Höchstleistungen im international ausgeschriebenen Wettbewerb bestehen können. Die Zahl derer nimmt zu, die diesem Druck nicht standhalten und in diesem gesellschaftlichen Umfeld massive psychische und körperliche Krankheiten entwickeln.

Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten können gesellschaftliche Tendenzen nicht aufhalten - aber sie können sie benennen.

Es muss ein grundsätzliches Umdenken stattfinden – weg von der Mentalität einer immer stärkeren Rationierung bei angeblich zu teurer medizinischer und psychotherapeutischer Leistung hin zu bedeutend mehr Prävention. Gerade wir als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind bereit, unseren Beitrag zu leisten hinsichtlich Früherkennung und moderner Behandlung, die eine Chronifizierung so gut wie möglich frühzeitig abfängt. So zahlt sich z.B. jeder Euro, der in eine notwendige Psychotherapie für ein Kind gesteckt wird, langfristig in hohen Einsparungen von Folgekosten aus, wie z.B. Krankheitstage und Arbeitsunfähigkeit.

Unsere Kolleginnen und Kollegen arbeiten, genauso wie auch die Ärztinnen und Ärzte, mit hohem Engagement und persönlichem Einsatz schon seit vielen Jahren deutlich unterbezahlt – in Kliniken, in Beratungsstellen und in eigener Praxis. Ganz zu schweigen davon, dass wir unsere Ausbildung zum Psychotherapeuten nach dem Studium selbst finanzieren mussten.

Große Sorge bereitet uns vor diesem Hintergrund auch die Frage des Nachwuchses und die geplante Studienreform. Gerade hier hat ein Bachelor-Abschluss nichts zu suchen – weder bei Psychotherapeuten noch bei Ärzten. Die verantwortungsvolle Behandlung von Menschen mit  psychischen und körperlichen Krankheiten erfordert solide ausgebildete Psychotherapeuten und Ärzte. Wir fordern darüber hinaus die Bezahlung des praktischen Teils unserer Ausbildung und eine angemessene Honorierung für alle Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten - und das betrifft gerade auch die angestellten Kolleginnen und Kollegen. Planstellen für Psychotherapeuten und Ärzte dürfen nicht einfach in weniger qualifizierte Stellen umgewandelt und die zu leistende Arbeit auf die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen umverteilt werden!

Wenn es uns nicht gelingt bei dieser unendliche Reform des Gesundheitswesens auch unseren Standpunkt und unsere Ziele zum Ausdruck zu bringen, dann läuft diese Reform wirklich Gefahr, zu einer reinen Rationierungsmaschinerie zu werden. Hier müssen wir aktiv tätig werden. Wir müssen auf der einen Seite unsere Patientinnen und Patienten als wichtigster Teil des Gesundheitssystems vor weiteren schädlichen und zu kurz gedachten Novellierungen schützen und auf der anderen Seite gleichzeitig sinnvolle Weiterentwicklungen aufzeigen.“
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