Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Die „Kindersprechstunde“ am Münchner Uniklinikum macht bayernweit Schule

10. Juli 2008 - In Deutschland erkranken jedes Jahr ca. 420.000 Menschen neu an Krebs, davon ca. 57.000 an Brustkrebs. Bei 30% dieser Patientinnen wird die Erkrankung diagnostiziert, während die Kinder noch zu Hause leben. Die Quote psychosomatischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen betroffener Kinder und Jugendlicher liegt nach einer Studie aus den USA zwischen 5 -15 %. Diese Kinder werden oft sehr spät, unzureichend und teilweise auch falsch bezüglich der Erkrankung des Vaters oder der Mutter informiert.

Am Samstag, 5. Juli 2008, kamen in München ca. 100 Psychotherapeuten und Ärzte zusammen, um im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung das Thema optimale Beratung und psychotherapeutische Betreuung für Familien mit an Krebs erkrankten Eltern zu vertiefen.
Vizepräsident Peter Lehndorfer ging in seiner Begrüßung darauf ein, dass für Kinder krebskranker Eltern psychotherapeutische Interventionsmodelle in Prävention und Kuration erfolgreich eingesetzt werden können. Allerdings sei es nicht sinnvoll, bei diesen Kindern erst eine krankheitswertige Diagnose stellen zu müssen, um eine Behandlung beginnen zu können. Viele dieser Kinder entwickeln erst nach einer mehrjährigen Latenz anscheinender Symptomfreiheit, in der sich Kinder bei der Bewältigung weitgehend auf sich allein gestellt fühlen, behandlungsbedürftige Symptome. Sinnvoll und indiziert ist eine präventive Psychotherapie bei entsprechender psychischer Belastungskonstellation auch ohne Symptomstatus mit Krankheitswert, auch wenn dies in der Legaldefinition des PsychThG nicht vorgesehen ist.
PD Dr. Georg Romer vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, der vor kurzem das Buch „Kinder körperlich kranker Eltern“ (Hogrefe 2007) veröffentlicht hat und in Deutschland als der „Fachmann“ für die psychotherapeutische Behandlung von Kindern körperlich kranker Eltern gilt, stellte aktuelle Forschungsergebnisse und Perspektiven seelischer Gesundheitsvorsorge vor. Man wisse inzwischen, dass die Prävalenz einer psychischen Störung bei Kindern krebskranker Eltern etwa doppelt so hoch ist, wie bei Kindern, die unter weniger beschwerten Umständen aufwachsen. Kinder körperlich kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko für internalisierende Störungen.
  • Psychosomatische und ängstlich-depressive Symptome sind am häufigsten
  • Jüngere Kinder scheinen besonders vulnerabel
  • Objektive Parameter der elterlichen Erkrankung haben kaum Einfluss auf kindliche Symptombildungen
  • Depressivität des gesunden Elternteils und familiäre Dysfunktion im Bereich affektiver Beziehungsgestaltungen erhöhen das Risiko kindlicher Symptombildungen


Ziele der Hamburger COSIP-Beratung am UKE Hamburg Eppendorf (Children of somatically ill parents) seien deshalb:
  • die Familie betreffend:
    • Offenere Kommunikation über die elterliche Erkrankung
    • flexiblerer Umgang mit divergenten Bedürfnissen einzelner Familienmitglieder
    • Reduzierung altersunangemessener Parentifizierung
  • die Eltern betreffend:
    • Stützung des elterlichen Kompetenzerlebens
    • Erhöhung der emotionalen Verfügbarkeit der Eltern
  • das Kind betreffend:
    • bessere kognitive Orientierung
    • Legitimierung eigener Gefühle und Bedürfnisse
    • aktiver Bewältigungsmodus
    • Integration ambivalenter Gefühle
    • Unterstützung antizipierender Trauerarbeit
Niedrigschwellige Hilfen für betroffene Kinder, Eltern und Familien, wie sie seit Januar 2008 in der „Kindersprechstunde der Psychoonkologie des Klinikums Großhadern angeboten werden, seien der richtige Ansatz. Dipl.-Psych. und Psychologische Psychotherapeutin Verena Hümmeler stellte die Besonderheiten dieses institutionellen Angebots für Familien mit Kindern krebskranker Eltern vor. Anhand von Fallbeispielen zeigte sie Interventionsziele bei den Kindern auf:
  • Kindgerechte Vermittlung von Informationen über die Erkrankung, Klären von Fragen
  • Gewährleisten eines Gesprächspartners außerhalb der Familie
  • Kommunikation von Gefühlen/Sorgen/Ängsten
  • Gegebenenfalls Vorbereitung auf Trennung (Krankenhausaufenthalte) und Tod des Erkrankten
  • Entwicklung von Coping-Strategien

Angeboten werden Beratung und Begleitung in Form von Einzel- und Familiengesprächen im Umfang von Beratungsgesprächen, Krisenintervention
(bis zu 5 Therapiestunden) und Kurzzeittherapien (bis zu 10 Therapiestunden). Sollte der Bedarf darüber hinaus gehen, wird an niedergelassene Therapeuten weitervermittelt.
Nach der Mittagspause stellte M.A. und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Werner Nowotny aus München, der sich im Laufe seiner Berufstätigkeit in der ambulanten Praxis auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen, die selbst an Krebs erkrankt sind oder mit einem an Krebs erkrankten Elternteil leben, spezialisiert hat, einen sehr bewegende Fallvignette vor und entwickelte daraus Aussagen zu den Möglichkeiten und Grenzen einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung für betroffene Kinder, Jugendliche und deren Eltern.
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Pressemitteilung "Netz für Kinder Krebskranker Eltern" 32 KB
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