Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

3. Bayerischer Landespsychotherapeutentag

13. Oktober 2008 - „Schneller, billiger, transparenter !?“- gilt das auch für Psychotherapeuten?

Am 11. Oktober 2008 trafen sich in München ca. 500 bayerische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, um mit führenden Fachexperten sowie Vertretern aus Politik und Gesundheitswesen die Auswirkungen aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen auf die Psychotherapie zu beraten.

Der aktuelle Zeitgeist mit seinem Druck der Ökonomisierung, Beschleunigung und Effizienzsteigerung trägt seine Ansprüche zunehmend auch an Psychotherapeut/inn/en heran. Können Psychotherapien beschleunigt werden, können Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten effizienter arbeiten, um eine größere Zahl von Patienten zu behandeln, - oder besteht die Gefahr, dass dann eine fachgerechte Psychotherapie für und mit unseren Patienten nicht mehr möglich ist?
Die Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (PTK Bayern) hat dieses hochaktuelle Thema mit dem 3. Bayerischen Landespsychotherapeutentag aufgegriffen und dadurch Mitgliedern und Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten, den Blick für Chancen und Risiken der aktuellen Entwicklung zu schärfen. Dies vor dem Hintergrund, dass eine ständig wachsende Zahl von Menschen mit psychischen Krankheiten dringend psychotherapeutische Behandlung sucht und braucht.
 
„Wir wollen zusammen mit unseren Partnern vor Ort und in übergreifenden Strukturen nach und nach die richtigen Veränderungen einleiten und umsetzen“, betonte Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der PTK Bayern, in seiner Eröffnungsrede. Er forderte die Politik auf, die Selbstverwaltungsinstitutionen der Heilberufe zu stärken und warnte vor den Gefahren, die ein ungesteuerter Wettbewerb im Gesundheitswesen und im Hochschulbereich insbesondere für die psychotherapeutische Versorgung der Patienten auslöst.
Frau Staatsministerin Christa Stewens machte in ihrem Grußwort deutlich, dass sie wichtige Forderungen und Vorschläge von Seiten der Psychotherapeuten unterstütze, wie z.B. den Erhalt des Erstzugangsrechts und die Einführung einer Quote für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Die Ministerin führte auch aus, dass in der heutigen Zeit alle Lebensbereiche der Beschleunigung und ökonomischen Zwängen unterlägen. Dies führe zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen. „Hier wird ihr Berufsstand dringend gebraucht“, so Stewens.
Neben Vertretern der Politik waren u.a. auch Repräsentanten von Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns, Krankenkassen und Heilberufekammern aus Bayern und anderen Bundesländern der Einladung der Kammer gefolgt.

Im Rahmen der Vorträge des 3. Bayerischen Landespsychotherapeutentages wurden die Teilnehmer durch führende Fachexperten in fünf Plenarvorträgen und 11 Einzelvorträgen in Parallelveranstaltungen über das Spannungsfeld zwischen individueller Psychotherapie und dem Druck zu Ökonomisierung und Effizienzsteigerung in Kenntnis gesetzt.

Prof. Dr. Heiner Keupp stellte ein „neoliberal getriggertes Störungspanorama“ vor. Er sprach davon, dass der gesellschaftliche Strukturwandel mit seinem Zwang zu Ökonomisierung, Rationierung, Beschleunigung und Gewinnsteigerung enorme psychosoziale Folgen habe und behandlungsbedürftige psychische Störungen, exemplarisch seien Ängste und Depressionen, auf dem Vormarsch seien. Allein zwischen 1997 und 2004 sei ein Anstieg der AU-Tage wegen psychischer Störungen um 70 Prozent zu verzeichnen. Sein Beitrag stellte den Tagungstitel praktisch auf die Füße. Eine dramatische Zunahme an psychotherapeutischem Bedarf ergebe sich aus dem Zwang zu Beschleunigung, eben aus der globalisierten Moderne. Direkte Folgen seien die Erosion traditioneller Lebenskonzepte, ein erschöpftes Selbst, fehlende Stabilität für Familien und Kinder, eine ausschließliche Fixierung auf die Alltagbewältigung. Von Psychotherapeuten forderte er eine vermehrte Reflexion gesellschaftlicher Hintergründe für individuelles Leiden und eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Kultur, dies komme im therapeutischen Alltag zu kurz, so Professor Keupp.

Während des Vortrags von Prof. Dr. Heiner Keupp

Auch Prof. Dr. Bernhard Strauß setzte sich mit der Ökonomisierung von Psychotherapie auseinander. Psychotherapie habe einen Warencharakter bekommen. Es werde häufig in Begriffen des Qualitätsmanagements und der Qualitätssicherung gedacht und geplant, so Strauß. Das führe dazu, dass die „Prozessqualität“, d.h. das dokumentierbare therapeutische Vorgehen, in den Fokus gerate und manualisierte Interventionstechniken im Vordergrund des Interesses stünden. Strauß bezeichnete dies als „Industrialisierung“ der Psychotherapie. Die „Strukturqualität“, in der sich Therapeutenvariablen widerspiegeln, werde zuwenig beachtet. Dabei seien Therapeutenvariablen wichtiger für therapeutische Effekte als spezifische Interventionstechniken. Zum Thema Therapiedauer und Frequenz referierte Professor Strauß über Resultate der Psychotherapieforschung, „die Aufschluss über zeitliche Aspekte psychotherapeutischer Behandlungen geben und die ganz allgemein zeigen, dass positive und insbesondere dauerhafte Effekte von Psychotherapie in längeren Behandlungen wahrscheinlicher sind, wenn auch bei ganz langen Behandlungen nur noch in geringem Umfang“. Strauß wies explizit darauf hin, dass in der Psychotherapieforschung häufig die Forschungsrealität nicht ausreichend zur klinischen Realität passe. Multimorbide Patienten mit komplexen Störungsbildern würden tendenziell aus Therapiestudien selektiert, seien im klinischen Alltag aber die Regel. An Patienten mit „einfachen“ Störungsbildern gewonnene Einsichten über Effizienz, Dauer und Frequenz einer Therapie seien nur bedingt in reale Psychotherapien übertragbar.

Prof. Dr. Peter Fiedler lieferte weitere Ausführungen zum Thema „Dosis-Wirkungs-Effekt“. Er berichtete über Studien verschiedener Therapieschulen, die, so Fiedler, Indikatoren sichtbar machten, „anhand derer sich bereits früh in der Therapie entscheiden lässt, ob eher eine kürzere oder langfristig zu planende Behandlung ins Auge gefasst werden kann“. Auch dieser Referent wies darauf hin, dass es Therapeutenvariablen sind, die einen Therapieerfolg entscheidend bestimmen können. Fiedler warnte in diesem Zusammenhang auch vor Therapieschäden (Deterioration-Effekt). Bei der Diskussion über Therapieeffizienz dürfe dieses Phänomen nicht unter den Tisch gekehrt werden. Zumal Faktoren, die zum Teil Therapeutenvariablen betreffen, bekannt seien, die für diesen Effekt verantwortlich seien. Für Therapieeffizienz, so Fiedler, sei eine tragfähige Therapeut-Patient-Beziehung entscheidend. Diese solle vermehrt im Forschungsinteresse stehen. Er wies auch auf die Bedeutung des gesellschaftlichen Hintergrunds für Therapieerfolge hin. Rückfälle würden hauptsächlich durch existenzielle Konflikte und materielle Notlagen ausgelöst. Zu einer effektiven Therapie müsse daher immer die Vermittlung von Problemlösestrategien sowie Beratung und Coaching gehören.

Psychotherapie führt auch zu neurobiologischen Veränderungen im Gehirn. Dazu gehören beispielsweise die Bahnung synaptischer Verbindungen, die Neubildung von Synapsen, Nervenzellneubildungen, Veränderungen der Genfunktion und Aktivitätsänderungen.
Prof. Dr. Peter Henningsen warnte aber davor, über diese bekannten Effekte eine quasi-pharmakologische Effizienzprüfung für Psychotherapie einführen zu wollen. Psychotherapie ziele auf eine Änderung von Schemata bei Patienten ab. Sie sei dann effizient, wenn ein Patient eine solche Änderung erfahre und Verhalten, Denken und Fühlen modifiziert würden. Daher seien dies die Variablen, über die die Effizienz von Psychotherapie zu erfassen sei und nicht die Veränderung von „bunten Bildern“, die mit einem bildgebenden Verfahren gewonnen würden. Der Neurologe Henningsen forderte aus psychotherapeutischer Perspektive eine differenzierte Sicht auf „die“ Hirnforschung. Bezugnahmen auf die Hirnforschung seien heute, „angesichts sehr heterogener Ebenen, Modelle und Befunde neuralen Funktionierens noch zwangsläufig relativ beliebig und interessengeleitet“. Er wies auch darauf hin, „dass eine genauere Kenntnis der zugrunde liegenden Neurobiologischen Mechanismen höherstufige, psychosoziale Erklärungen für Veränderungsprozesse unter Psychotherapien nicht ersetzen können und werden“.

Der Faktor Zeitmanagement stand im Zentrum des Schlussvortrags von Prof. Dr. Olaf Geramanis. Das Versprechen, „die eigene Zeit wirklich managen, d.h. kontrollieren und steuern zu können“, sieht er skeptisch. Er zieht in seinen Ausführungen zum Zeitmanagement den Schluss: „Zentrale menschliche Bedürfnisse nach Vertrauen, Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung verschließen sich einer ökonomischen Kontrolllogik, bzw. werden durch sie geradezu vernichtet“. Übertragen auf die therapeutische Situation, in der diese menschlichen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, bedeutet dies, dass ökonomisch motiviertes Zeitmanagement auf therapeutische Belange übertragen kontraproduktiv wirken kann.
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