Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Fortbildung „Verlust, Trauer und Tod – Wie begleite ich Kinder und Jugendliche?“: Über 100 Teilnehmer/innen in München

Am 07.03.2015 fand in München eine Fortbildungsveranstaltung der PTK Bayern und der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehung-, Jugend-und Familienberatung Bayern e.V. (LAG) statt. Ziel der Veranstaltung war es, über Formen der Begleitung und Unterstützung durch Beratung und Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen, die mit Verlust, Trauer und Tod konfrontiert werden, zu informieren. In Fachvorträgen und vertiefenden Workshops wurde den Teilnehmer/innen Strategien und Settings erläutert, wie Kindern und Jugendlichen geholfen werden kann, solche Ereignisse zu verarbeiten und mit ihren psychischen Auswirkungen besser zurechtkommen zu können.

Die Expert/innen der Fortbildung „Verlust, Trauer und Tod – Wie begleite ich Kinder und Jugendliche?“ (v. l): Peter Lehndorfer, Vizepräsident der PTK Bayern, Esther Fischinger, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Werner Nowotny, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Dr. Bernhard Kühnl, Vorsitzender der LAG, Agnes Mehl, stv. Vorsitzende der LAG, Walter Holl, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Dorothea Weinberg, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Psychologische Psychotherapeutin. (Foto: Astrid Petersdorff)

Im ersten Fachvortrag informierte Dorothea Weinberg, Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin und Psychologische Psychotherapeutin, über zwei aus ihrem langjährigen Erfahrungswissen heraus entwickelte Behandlungsmöglichkeiten (komplex)traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Die „Strukturierte Trauma-Intervention“ (STI) ist gut anwendbar bei Vorliegen erinnerbarer und abgrenzbarer traumatischer Erlebnisse wie etwa dem Unfalltod eines Elternteils. Die Entwicklung dieser Interventionsform entstand aus der Erfahrung, dass Kinder auch im sicheren Rahmen einer Psychotherapie ihre stark erschreckenden, beängstigenden und zerstörerischen Erfahrungen nicht verbalisieren können. STI setzt an den beiden wesentlichen Problemen traumatischen Erlebens an: Der Zerstörung des subjektiven Sicherheitserlebens und der Fragmentierung der Wahrnehmungen und Erinnerungen. Mithilfe eines stark strukturierten „Weges“ von einem sicheren Ausgangspunkt („Wann fühlte ich mich noch sicher/wann war noch alles gut?“) zu einem sich wieder sicher anfühlenden Endpunkt nach dem Geschehen („Wann fühlte ich mich wieder sicher?“), wird die ursprüngliche Wahrnehmung eines traumatischen Erlebnisses rekonstruiert und dabei bewältigt. STI konfrontiert durch dieses Vorgehen sehr schonend und hilft, das Sicherheitserleben wiederzuerlangen. Für Kinder, die frühe und anhaltende Traumatisierungen erlebten, entwickelte Weinberg eine „Traumabezogene Spieltherapie“ – eine spezielle Form der Spieltherapie, die es betroffenen Kindern ermöglicht, sich ihrer hochgradig beängstigenden und kränkenden Erfahrungen und den Gefühlen des vollkommenen Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit zu stellen. Letztere Interventionsform präsentierte Dorothea Weinberg anhand eines sehr eindrücklichen Fallbeispiels per Video.

Esther Fischinger, Klinische Psychologin und niedergelassene Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin in eigener Praxis, ging in ihrem Fachvortrag auf die systemisch orientierte kinderpsychologische und psychotherapeutische Begleitung in der pädiatrischen Palliativversorgung ein. Jede Form, in der ein schmerzvoller Verlust beantwortet werde, sei sowohl ein Versuch der Bewältigung als auch ein Akt der Kommunikation im Netzwerk der Trauernden, so Fischinger. Die Verlustantwort und Trauerreaktion eines Individuums seien einerseits eingebettet in persönliche Reifungsprozesse, unterstützten aber immer auch Entwicklungsschritte für die Bindungs- und Bezugssysteme von Angehörigen wie Helfern. Ausgehend von entwicklungspsychologischen Aspekten der Vorstellungen vom Tod und Reaktionen auf existenzielle Verluste in Kindheit und Jugendzeit legte die Referentin dar, dass jede Trauererfahrung, jedes Verlusterleben bereits erlittene Trennungserfahrungen triggere. In jeder Entwicklungsstufe gebe es einen „Link“ zu den durchschmerzten früheren Abschieden. Alle Verluste würden in jeder weiteren Entwicklungsphase erneut einer altersgemäßen Integration zugeführt. Gelinge das nicht, so entstünden blockierte, erschwerte und prolongierte Trauerprozesse. Kinder und Jugendliche mit Vorverwundungen durch kumulative Verluste, durch Traumatisierung oder durch schwere Erkrankungen durchliefen diese Entwicklungsschritte beschleunigt im Sinne einer Notreifung.

Den Fachvortrag von Esther Fischinger haben wir in der unteren Liste zum Herunterladen bereitgestellt.

Informationsstände von LACRIMA, Zentrum für trauernde Kinder der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. München, der Nicolaidis YoungWings Stiftung, lebensmut e. V., der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, der LAG sowie der PTK Bayern rundeten die Veranstaltung ab.

Am Nachmittag stellten die beiden Referentinnen ihre Arbeit in vertiefenden Workshops vor. Walter Holl, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, präsentierte in seinem Workshop eine Interventionsform mit Tierfiguren zur Unterstützung von Eltern und Kindern in Scheidungsfamilien.

Am Ende der Veranstaltung berichtete Werner Nowotny über die Dreharbeiten und Hintergründe des Films „Seelenvögel“, einem Dokumentarfilm von Thomas Riedelsheimer. Der Film handelt von drei an Leukämie erkrankten Kindern, die sich mit dem Thema „Tod“ auseinandersetzen.

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