Psychotherapeutenkammer Bayern

11. Bayerischer Landespsychotherapeut*innentag am 17. Oktober 2026: Angst und Angststörungen in Zeiten globaler Bedrohungen

Meldung vom 26.10.2026

Am 17. Oktober 2026 fand der 11. Bayerische Landespsychotherapeut*innentag (LPT) in Nürnberg statt. Über 300 Kammermitglieder informierten sich über das Thema „Angst und Angststörungen in Zeiten globaler Bedrohungen“ und nutzten die Chance, sich auszutauschen und zu vernetzen. Der LPT beschäftigte sich sowohl mit dem aktuellen Stand des Wissens über die Entstehung, Funktion und Therapie von Angst, als auch mit dem Unterschied zwischen real angemessener und irrationaler Angst. Dabei wurde das Thema aus verschiedenen Richtungen der psychotherapeutischen Forschung und Anwendung beleuchtet.

Man sieht einen Veranstaltungsaal mit vielen Sitzreihen und eine Bühne, auf der ein Mann einen Vortrag hält

Im Bild: Der Veranstaltungsaal im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (Foto: Sperl)

In einer Videogrußbotschaft wandte sich Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, an die anwesenden Psychotherapeut*innen. Sie ging auf gesamtgesellschaftliche Krisen ein, die Angst verursachen können. Vor diesem Hintergrund würdigte sie den Einsatz der Psychotherapeut*innen, die Menschen dabei helfen, mit Unsicherheit umzugehen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie betonte, dass psychische Gesundheit kein Randthema sein darf. 

Im Bild: Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention (Foto: StMGP)

Eine blonde Frau steht vor einer hellen Wand und spricht in die Kamera.

Kammerpräsident Dr. Nikolaus Melcop ordnete in seiner Eröffnungsrede das Thema des LPT in die aktuelle gesellschaftspolitische Lage ein und stellte den Bezug zu Angst und Bedrohungsempfinden als aktuell weit verbreitete Stimmung in der Gesellschaft her. Trotz des gewachsenen Bedarfs an Psychotherapie waren die Psychotherapeut*innen in den zurückliegenden Monaten damit konfrontiert, dass der Bundestag eine pauschale Begrenzung der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen für die ambulante Psychotherapie und Kürzungen der Mittel für die stationäre psychotherapeutische Versorgung im Betragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) beschlossen hatte – und das zusätzlich zu dem Versuch des Erweiterten Bewertungsausschusses, erhebliche Honorarkürzungen vorzunehmen. Mit dem großen Engagement von Kammern, Verbänden und vielen aktiven Psychotherapeut*innen konnte letztlich dann doch eine Rücknahme von Teilen der Kürzungen durch eine Gesetzesänderung erreicht werden. Er bedankte sich für den Einsatz der Psychotherapeutenschaft und würdigte die durch den Änderungsantrag der Regierungsfraktionen ermöglichte extrabudgetäre Vergütung für Kinder und Jugendliche, schwer psychisch erkrankte Personen sowie Patient*innen mit dringendem Behandlungsbedarf als Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig machte er klar: Die Kammern fordern die komplette Rücknahme aller Kürzungen als unverzichtbare Sicherung der psychotherapeutischen Versorgung. Er forderte dabei auch, die unzureichende Finanzierung der Weiterbildung von Psychotherapeut*innen durch entsprechende gesetzliche Vorgaben zu beenden. Mit Blick auf die anstehenden Reformen des Gesundheitswesens betonte er die Bereitschaft der Psychotherapeut*innen zur Mitwirkung und die Notwendigkeit des Erhalts des direkten Zugangs zu Psychotherapeut*innen und des Schutzes der Vertraulichkeit psychotherapeutischer Behandlungen. Im zweiten Teil seines Vortrags gab er einen Einblick in zentrale Aktivitäten der Kammer bis zur Beteiligung an der Krisenvorsorge und psychosozialen Notfallversorgung und an Maßnahmen zum Schutz vor Klima- und Umweltschäden. Er dankte den Geschäftsstellenmitarbeiter*innen für ihren engagierten Einsatz und wünschte allen Teilnehmenden einen anregenden Landespsychotherapeut*innentag. 

Im Bild: Präsident Dr. Nikolaus Melcop (Foto: Sperl)

Ein Mann steht auf einem Podium und hält eine Rede.

Vizepräsidentin Nicole Nagel und Vorstandsmitglied Prof. Dr. Monika Sommer führten durch den LPT und stellten die Referierenden vor.  

Im Bild: Vorstandsmitglied Prof. Dr. Monika Sommer (links) und Vizepräsidentin Nicole Nagel (rechts) (Foto: Sperl)

Zwei Frauen mit dunkeln Oberteilen stehen auf einer Bühne nebeneinander und haben Mikrofone in der Hand

Prof. Dr. Armin Zlomuzica, Professor am Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum stellte in seinem Vortrag über Mechanismen-orientierte Therapie bei Angststörungen u. a. das Konzept der „Mentalen Zeitreise“ vor. Positive Erfahrungen des autobiographischen Gedächtnisses von Patient*innen können so aktiviert werden – ein hilfreiches Instrument in der Expositionstherapie. Expositions-Experimente der Ruhr-Universität Bochum zeigten laut Zlomuzica: Patient*innen mit mehreren phobischen Ängsten erzielten durch Exposition generalisierte Erfolge bei mehreren Phobien, auch dann, wenn nur ein Reiz für eine einzelne Phobie gesetzt wurde.  

Im Bild: Prof. Dr. Armin Zlomucika (Foto: Sperl)

Ein Mann in scharzem Anzug steht auf der Bühne und hält einen Vortrag

Prof. Dr. Tina In-Albon, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und Leiterin der psychotherapeutischen Ambulanz für Kinder und Jugendliche der Universität Mannheim gab einen Einblick in die aktuellen Forschungsbefunde zu Angst und Angststörungen im Kindes- und Jugendalter, die bei dieser Patient*innengruppe oftmals Schrittmacher für andere Erkrankungen sind. Als besonders häufige Störungen nannte sie Trennungsängste, soziale Ängste, generalisierte Angststörungen und Phobien. In-Albon stellte die Studienlage in Zusammenhang mit der Einbindung von Eltern bei Expositionstherapie vor: In Hinblick auf den Rückgang der spezifischen Angst mache es keinen messbaren Unterschied, ob die Eltern bei Kindern mit Angststörungen in die Expositionstherapie einbezogen wurden. Dennoch plädiert sie für eine Einbindung der Eltern, um Kindern und Jugendlichen das „Warum“ der Exposition zu erklären – der zentralen Frage der Expositionsvorbereitung. Sie endete ihren Vortrag mit einem Plädoyer für die Expositionsübungen bei Kindern und Jugendlichen.  

Im Bild: Prof. Dr. Tina In-Albon (Foto: Sperl)

Eine Frau mit kurzen Haaren und magenta farbenem Outfit steht auf einer Bühne und hält einen Vortrag

Prof. Dr. Andreas Mühlberger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Regensburg gab Einblicke in den Einsatz von Virtual Reality in der Psychotherapie bei Angststörungen. Er stellte therapeutische Anwendungen mit VR-Brillen im Kontext von sozialen Phobien und Akrophobien vor dem Hintergrund einer Expositionsbehandlung vor. Patient*innen können so Szenarien erleben, in denen sie einen Vortrag halten, eine Reklamation im Reisebüro einfordern oder eine hochgelegene Plattform besteigen müssen – ggf. auch als Vorbereitung einer anschließenden realen Exposition. Dabei zeigte er, dass teils bereits nach einer Anwendung deutlich positive Effekte messbar sind. In diesem Zusammenhang stellte er die Vorteile einer Einbindung von VR-Anwendungen in die Expositionstherapie vor: Eine niedrige Hemmschwelle für Therapie, eine hohe Akzeptanz bei Patient*innen sowie eine einfache Optimierung der Anwendungen. Seine Prognose: VR werde in der Zukunft eine breite Anwendung in der Psychotherapie finden. 

Im Bild: Prof. Dr. Andreas Mühlberger (Foto: Sperl)

Ein Mann mit grauen Haaren und in einem kpomplett schwarzen Anzug steht auf der Bühne und hält einen Vortrag.

Dr. Paul Köbler, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis sowie in der integrierten klinischen Versorgung schwer und komplex Erkrankter am Klinikum Nürnberg (Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) sprach über die Angst vor Tod und Sterben und eröffnete den Zuhörenden eine existentielle Dimension in der Psychotherapie. In seinem Therapiealltag arbeitet er mit Palliativpatient*innen. Dabei stellen sich sowohl für Patient*innen als auch für die Behandler*innen existenzielle Fragen, denen er sich in seinem Vortrag aus philosophischer, kulturgeschichtlicher und psychotherapeutischer Sichtweise näherte. So fragte er auch alle Anwesenden: Was bedeutet der Tod für Sie? Wie gehen Sie damit um, dass Sie einmal sterben werden? Den Bogen zurück zum therapeutischen Alltag schlagend, differenzierte er zwischen Todesangst und Todesfurcht. Erstere ist mit konkreter Symptomatik, zweitere mit einem grundsätzlichen existenziellen Schmerz verbunden. Die Todesfurcht eröffnet Möglichkeiten, so zeigte Dr. Köbler, die Endlichkeit in die Therapie einzubeziehen - u. a. im Rahmen der Anamnese als Diagnostikum und Einladung für die Versprachlichung innerer existenzieller Nöte. Auch das Imaginieren der letzten Stunde oder die Lineal-Übung nach Yalom, bei der die eigene Lebensspanne auf einem Lineal visualisiert wird, können hilfreiche Techniken sein. 

Im Bild: Dr. Paul Köbler (Foto: Sperl)

Ein Mann mit blonden Haaren in einem hellblauen Anzug steht auf der Bühne und hält einen Vortrag.

Dr. Michael Raisch, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis für Systemische Therapie und Verhaltenstherapie teilte mit den Anwesenden systemische Perspektiven zum Thema Angst. In seinem Vortrag zu Dynamiken, problematischen Lösungsversuchen und therapeutischen Schritten bespielte er die Mikro- und die Makroperspektive gleichermaßen. Er zeigte, wie individuelle und gesellschaftliche Angstdynamiken auf therapeutische Perspektiven treffen und schließlich gesellschaftliche Veränderungsperspektiven ermöglichen. Er zeichnete nach, wie durch die individuelle Kampfbeziehung zur Angst diese als etwas wahrgenommen wird, das vermieden werden soll – und sich gerade deswegen besonders entfaltet. Seinen Vortrag schloss er mit einem Plädoyer für Selbstwirksamkeit, Dankbarkeit für das Erreichte und Mut zum Wandel. 

Im Bild: Dr. Michael Raisch (Foto: Sperl)

Ein Mann mit grauen Haaren und Brille in einem beigen Anzug steht auf einer Bühne und hält einen Vortrag

Prof. Dr. Sarah Schäfer, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau band die LPT-Teilnehmenden zum Einstieg in ihre Ausführungen zum Thema „Krisen meistern: Resilienzprozesse und ihre Stärkung“ aktiv ein. Anhand einer Übung zur Veranschaulichung – einer Büroklammer, die jede*r Zuhörende individuell verformte – versinnbildlichte sie, dass psychische Rektionen auf belastende Ereignisse vielfältig sind und Resilienz die Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit in dieser Situation darstellt. Ganz ähnlich einer individuell, vielleicht auch dauerhaft verbogenen, aber immer noch funktionsfähigen Klammer. Schäfer erklärte, dass die Wissenschaft bisher Schwierigkeiten hat, Resilienzfaktoren trennscharf zu definieren und verwies auf die vielleicht sinnvollere Kategorie der Resilienzmechanismen. Auch ging sie auf den positiven Effekt von wahrgenommener sozialer Unterstützung ein, welche ihr besonders bedeutsam im Rahmen der Resilienzforschung erscheint. Für den therapeutischen Alltag empfahl sie, Resilienz als häufigste Reaktion der Mehrzahl der Menschen mitzudenken, bei Kipppunkten rechtzeitig zu intervenieren und Selbstwirksamkeit anhand konkreter Anforderungen einer Krise zu stärken. 

Im Bild: Prof. Dr. Sarah Schäfer (Foto: Sperl)

Eine Frau mit dunklen Haaren, gestreiftem T-Shirt und grünem Cardigan hält einen Vortrag.

Die Teilnehmenden nutzten die Veranstaltung zum kollegialen Austausch untereinander sowie mit dem Vorstand in den Pausen. Neu bei diesem LPT war zudem die Möglichkeit des „Meet the Scientist“, bei dem die Referierenden für die Teilnehmenden in den Pausen noch für weitere fachliche Fragen im direkten Austausch zur Verfügung standen.

Ein weiteres Highlight stellte das Graphic Recording da. Die Künstlerin Beate Kopp protokollierte auf künstlerische Weise den Verlauf des Fachtags mit einer beeindruckenden Darstellung der Vorträge und des Leitmotivs des diesjährigen LPT. Am Ende kam ein grafisches Kunstwerk heraus, welches die Schwerpunkte des Tages sowie die Inhalte der einzelnen Vorträge zusammenfasste.

Auf einem Plakat sieht man schriftliche und grafische Zusammenfassungen der einzelnen Vorträge des LPT.

Im Bild: Graphic Recording: Beate Kopp DESIGN.KONZEPT // www.visual-recording.com (Foto: Sperl) 

Der LPT fand dieses Jahr im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg statt. Als zusätzliches Rahmenprogramm wurden thematisch passende Führungen durch das Museum angeboten: Zu den Themen „Angst im 20. Jahrhundert – kunstgeschichtlich dargestellt“, „Angst ums Seelenheil und die Frömmigkeitspraxis im Mittelalter“ und „Tod und Vanitas in Renaissance, Barock und Aufklärung“ konnten die Teilnehmenden das Tagungsthema aus einer zusätzlichen künstlerischen Perspektive betrachten. 

6 Frauen und 7 Männer stehen nebeneinander auf einer Bühne und lächeln in die Kamera.

Im Bild: (v. l. n. r.), Dr. Anke Pielsticker Drucker, Prof. Dr. Sarah Schäfer, Dr. Paul Köbler, Prof. Dr. Monika Sommer, Dr. Nikolaus Melcop, Nicole Nagel, Dr. Michael Raisch, Dr. Bruno Waldvogel, Prof. Dr. Andreas Mühlberger, Birgit Gorgas, Prof. Dr. Armin Zlomucika, Prof. Dr. Heiner Vogel, Prof. Dr. Tina In-Albon (Foto: Sperl)

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